Über Kaffeekamele und Statanskult
Ernährungsbekenntnisse

Meine Buchempfehlung für den moralischen und verantwortungsbewussten Esser. Und die, die es werden wollen.

Als Kind aß ich fast alles, außer Salat. Dieser hatte für mich keine Essensberechtigung. Er schmeckte einfach nicht besonders toll. Was sollte ich schon damit anfangen? Stattdessen liebte ich Fleisch, zum Beispiel bayrischen Leberkäse, Salami oder Frikadellen.

Hätte ich mich damals aus heutigen Augen betrachten können, hätte ich mich wohl als „McDonalds Kind“ beschimpft, obwohl ich dort nie war. Heutzutage sitzen in Fast Food Restaurants schon die jüngsten Kinder, die sich allein noch nicht auf dem Stuhl halten können, schieben sich aber die ersten versalzenen Pommes Frites ihrer Leben in den unbezahnten Mund. Ich sehe bei diesem Anblick schwarz.

Ich wusste damals nicht, welche abartigen Bestandteile in unseren Fleischwaren sind. Mir war nicht mal bewusst, dass das auf meinem Teller einst zu einem Gesicht mit zwei Augen gehörte, dass es lebte – wenn auch nicht lange- und litt, um dort hinzugelangen.

Irgendwann fing ich an, diese Dinge nicht mehr zu essen. Noch nicht aus philosophischen Gründen, einfach, weil sich mein Geschmack verändert hatte. Meine Ernährer trieb das fast zur Weißglut. „Wie kann man denn kein Fleisch essen? Ein Gericht ohne Fleisch ist doch nur Beilage!“

Stattdessen aß ich plötzlich Spinat, von dem ich dachte, er wäre aus Krokodilen. Für mein Leben gern aß ich dann auch Salat. Jetzt könnte ich mich problemlos eine Woche ausschließlich von Salat ernähren.

Mit der Zeit bekam ich immer mehr Gewissensbisse, wenn trotzdem mal Schnitzel in meinem Magen landete oder wenn ich in das Massengrab spähte, das man Tiefkühlfach nennt. Woher nahm ich denn das Recht, Tiere für mein bloßes Geschmacksvergnügen (von Überleben kann ja wohl kaum die Rede sein) zu opfern?

Mein Wissensdrang in der Fachrichtung Ernährung wurde immer größer. Ich lernte, dass Wurst und Fleisch mit Wasser aufgespritzt werden, damit Verbraucher für weniger mehr zahlen. Ich begriff, dass naturbelassene Salami bleich wäre, nur das giftige und krebserregende Natriumnitrit in ihr macht sie rot.  Ich hörte, dass Käfighennen weniger Platz haben als eine DIN A4 Seite, nach einem Jahr wegen weniger Eiern getötet werden und dass jährlich über 250 Millionen männliche Küken den Tod im Schredder finden, weil man sie nicht braucht.

Ich möchte ein Buch empfehlen, das ich letztens zu lesen begann. Es heißt „Tiere essen“ und wurde von Jonathan Safran Foehr geschrieben. Ich möchte hier nicht den Moralapostel spielen und ich habe noch viel weniger Lust, mich mit Menschen auseinandersetzen, die derartig festgefahren in ihrem Fleischkonsum sind, dass sie glauben, ein einziger fleischfreier „Veggieday“ pro Woche in deutschen Kantinen wäre ein Verstoß gegen ihre Menschenrechte. Da ist Kuh und Küken eh verloren. Meine herablassenden Kommentare behalte ich an dieser Stelle für mich.

Vielmehr empfehle ich hier ein Hilfsmittel, das auf knapp vierhundert Seiten nicht mit dem Zeigefinger droht, sondern aufklärt und anstrengende Recherchen zum Thema erübrigt. Foehr kommt zwar nicht immer gleich zum Punkt, verdeutlicht dafür aber wichtigen Konsens in wunderbaren Anekdoten über Knut, Kinder, (Groß)Eltern und seine Recherchearbeit.

Jonathan Safran Foehr

Dieses Buch könnte die Lust auf Fleischverzehr des Lesers durchaus beeinträchtigen, aber wer will denn ernsthaft seine Moral für 10 Minuten Mittagessen  wegwerfen?

Was mich besonders erfreut, ist, dass im Anhang dieses amerikanischen Buches die deutsche Sachlage erklärt wird. Die Entschuldigung „Das betrifft ja nur die Amis.“ entfällt also. Eigentlich sogar schon deshalb, weil die amerikanischen Verhältnisse dank TTIP und Konsorten auch zu uns herübergespült werden (wenn wir uns nicht einmischen).

Jeder darf Fleisch essen. Der Verzehr hat die Evolution maßgeblich beeinflusst, es ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, irgendwie auch natürlich und schmeckt halt. Aber dennoch sollte man es essen mit dem Wissen, was hinter dem freundlichen Etikett steckt.

 

 

Jonathan Safran Foehr: Tiere essen

Kiepenheuer & Witsch

2010

399 Seiten

ISBN 978-3-462-04044-9.

gebunden: 19,99€

Taschenbuch: 9,99€

 

 

Text und Foto: Eva Stützer