Über Kaffeekamele und Satanskult
Liebes Tagebuch

Blutige Geschichten aus meinem Leben.

heute war ich bei der Blutspende. Zum ersten Mal. Ich war von Anfang an etwas nervös und als ich dann dort stand und mich anmeldete, sah ich viele Leute aus meinem Dorf. Das waren Menschen, denen ich seit Jahren erfolgreich aus dem Weg gegangen bin. Jetzt war ich ihnen schutzlos ausgeliefert. Wer hätte gedacht, dass man bei einer Tätigkeit zum Wohle der Gesellschaft, wie Blutspenden, tatsächlich die Gesellschaft auch noch sehen muss?

Jedes einzelne Teammitglied fragte, wie ich heiße, ob es mir denn gut ginge, genug getrunken und gegessen hätte und attestierte mir in einem Tonfall wie: „Na bist du denn komplett bescheuert?“, dass ich Erstspender sei. Ich lief rot an, murmelte schuldbewusst immer wieder: „Joaaa….“ und durchlief den Kreislauf: Anmeldung, Fragebogen ausfüllen („Steht Ihnen in den nächsten Tagen eine schwere körperliche Arbeit bevor (Absturzgefahr)?“ Ich frage mal, ob auch meine morgige Abiturvorprüfung in Geschichte dazuzählt.), Trinken, Blut- und Temperaturtest, Arzt.

Der Arzt war schon strange. Fand sich superwitzig bei allem was er sagte, was vielleicht auch ein wenig dadurch unterstützt wurde, dass ich die ganze Zeit kicherte wie eine Amateurdarstellerin in einem Teenieporno, maß an mir herum und befand mich für kerngesund.

Ich ging also zum nächsten Menschen, beantwortete Fragen, ging weiter, beantwortete Fragen und ließ mir Zeug in den Arm stecken.
Eklig, wie das warme Blut im Schlauch am Arm entlang lief. Verschaffte aber Zeit zum Nachdenken, zum Beispiel über meine Geschichtsvorprüfung.
Die Fakten: Ursachen der Französischen Revolution waren Armut, Ungerechtigkeit, der dritte Stand musste die ersten beiden tragen, blah blah blah.

Oh, sind die Bilder an der Wand schön… Hui, warum dreht sich denn der Raum plötzlich? Boah, cool. Vielleicht sollte ich mich mal zu Wort melden. Aber meine Zunge ist so schwer.
„Aufwachen! Aufwachen! Augen offen halten!“, schrie mich eine Frau an und schlug mir ins Gesicht
„Ne, Mama, ich will noch weiterschlafen. Verpiss dich.“, wollte ich sagen, war aber zu höflich und gehorchte.

Ja, ich war ganz geschmackvoll kollabiert.
War eigentlich gar nicht so unangenehm. Wenn sich so sterben anfühlt, könnte ich damit leben und das gern auch mehrmals durchziehen.
Dann fragte mich aber alle zwei Minuten einer der Anwesenden, ob es denn ginge. Auch der Arzt scharwenzelte um mich herum. Ich grinste debil. Fand alles urkomisch. Bis ich meine Grundschullehrerin entdeckte. Scheiße. Tat so als hätte ich sie nicht gesehen. Funktionierte prima, schließlich war ich das Mädel, das gerade einen Kreislaufzusammenbruch hatte.
Doch dann kam sie zu mir. „Na, Eva, das erste Mal?“, sagte sie in dem gleichen Tonfall wie die Ärzte und Schwestern vor Ort.

Ich verbrachte noch eine Stunde auf der Liege, in Gedanken auf dem Weg zum Wiener Kongress, jedoch ständig unterbrochen von dem seltsamen, und doch sympathischen Arzt.
Langsam durfte ich mich aufsetzen, dann aufstehen, eine Unterschrift leisten und 10 Euro entgegennehmen mit den Worten: „Aber nicht alles auf einmal ausgeben. Soll ja lange reichen.“ Wollte antworten: „Gleiches gilt für mein Blut.“
Beschloss sofort, Schnaps damit zu kaufen. Hielt das auch für eine gute Idee, als mir die Schwester sagte, ich solle abends viel trinken.

„Wird erledigt.“, sagte ich noch immer grinsend und ging dann zum Imbiss. Käsebrötchen, Kaffee und Schokolade. Vielleicht war ich ja doch gestorben und befand mich im Himmel.
Mh… unwahrscheinlich. Kein Gott würde sich meiner erbarmen.

Während ich aß, unterhielten sich andere Spender. Ich steckte heimlich Bananen, Schokoriegel und Bonbons ein. Wenn ich in der Prüfung nicht weiß, was ich schreiben soll, kann ich wenigstens essen.
Blutspenden ist schon was Feines.

 

Text und Foto: Eva Stützer