Über Kaffeekamele und Satanskult
Nachwuchs?

Meine Gedanken zu einer Frage, die uns alle beschäftigt. Was passiert, wenn ich einmal nicht mehr da bin?

Viele Leute denken, dass man sich nach dem Abschluss erst einmal entspannen kann. Dass eine gefühlt ziemlich furchtbare Zeit voller sinnloser Aufgaben und Repressalien vorbei ist und nach einer Pause eine viel anstrengendere Zeit anbrechen wird. Ob letzteres stimmt, kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, aber momentan fühle ich mich gar nicht entspannt.

Zwischen dem letzten Schultag im April und der Vergabe der Abschlusszeugnisse ging es mir recht gut. Ich war viel unterwegs im Namen des Poetry Slam, hatte eine Woche Urlaub und zwischendurch waren auch die Prüfungen. Ich konnte meist ausschlafen und habe völlig das Zeitgefühl verloren. „Ist heute Montag oder Donnerstag?“ Ab und zu musste mal was geplant werden, der nächste Poetry Slam, der Umzug in den Studienort, das Studium selbst.

Jetzt allerdings, in den Sommerferien, geht alles drunter und drüber. Man will die letzte Zeit als Schüler ja nutzen und noch einmal kostenlos mit dem Ferienticket durch Thüringen cruisen. Abgesehen davon, dass die Deutsche Bahn einen fetten Strich durch meine Rechnung gezogen hat, indem sie jetzt den Bahnhof Mühlhausen von allen Seiten dicht macht. Danke!

Freunde und Schulkameraden erkennen plötzlich, dass man sich ja bald gar nicht mehr so oft sieht und man will ja noch etwas Zeit miteinander verbringen.

Weiterhin muss ein Kostenplan für die Poetenschlacht her, Werbung gemacht werden, und so weiter und so fort. Dann steht das Open Flair an, fünf Tage Spaß, aber in der Aufarbeitung herrlich viel Arbeit. Eine Woche nach der anderen zieht vorbei und bald ist es an der Zeit, das heimische Nest zu verlassen.

Wenn ich daran denke, dass ich bald nicht mehr vor Ort bin, werde ich traurig, denn auch wenn Mühlhausen eine sehr kleine und sehr verschlafene Stadt ist, gibt es hier einiges zu verpassen. Hier lasse ich viele Freunde und die, die es hätten werden können, zurück.
Außerdem habe ich manchmal das Gefühl, nicht gehen zu dürfen, weil so viel Potenzial ungenutzt bleibt. Immer wieder sind es die gleichen, wenigen Leute, die darum bemüht sind, Kultur und Amüsement auf die Beine zu stellen. Davon wiederum bricht so viel weg, weil die Angebote nicht genutzt werden. Wo seid ihr denn, Jugendliche aus Mühlhausen und Umgebung?

Ich sehe es im JiM. Als ich 2013 anfing, hier zu arbeiten, engagierten sich bloß eine Handvoll Leute. Die meisten davon sah ich gehen, aus welchen Gründen auch immer. Dann kamen doch wieder Jugendliche hinzu, die sogar Lust hatten, sich wöchentlich zu treffen, zu quatschen, ob dabei nun Ergebnisse herauskamen oder nicht. Ich habe sie ewig nicht mehr gesehen. Ab einem bestimmten Punkt war keine Zeit mehr dafür. Abi, BLF, was auch immer.

Ich finde das traurig. Ehrenamtliche Arbeit, gerade in dem Maß, wie ich sie leiste, bringt einen oft zum Verzweifeln, irgendwas klappt wieder nicht und die ganze Mühe war umsonst. Das passiert halt. Na und? Trotzdem habe ich nie aufgehört. Warum? Weil es unglaublich schön ist, wenn etwas funktioniert. Wenn jemand sagt: „Bist du nicht die, die die Poetenschlacht moderiert? Das JiM Magazin schreibt? Die Poetry Slammerin?“ Wenn man einfach merkt, dass die eigene Arbeit anderen Menschen etwas Gutes tut. Als komplettes Gegenteil zur eintönigen Schularbeit, das zufällig noch einen famosen Eindruck im Lebenslauf macht. Wenn man so viele neue Leute kennenlernen kann, die einem wieder ganz neue Perspektiven auf die Welt zeigen. Oder einfach nur, weil sich Verantwortung für sich und andere, Selbstständigkeit und Eigeninitiative richtig geil anfühlen.

Aus diesen Gründen kann ich nicht verstehen, warum man dem JiM nicht die Bude einrennt. Warum das Mehrgenerationenhaus so einen schlechten Ruf hat, warum der Altersdurchschnitt bei Kulturveranstaltungen kaum die 30 erreicht. Und warum man immer wieder hört, dass Mühlhausen keine Angebote für Jugendliche hat und daher eine tote Stadt ist. Das ist nicht wahr. Nicht die Stadt verbirgt sich in Leichenstarre, sondern ihre Einwohner.

Dieser Text hat sich schon gelohnt, wenn auch nur ein Leser jetzt den Mut entwickelt, etwas eigenes auf die Beine zu stellen.

 

Text und Grafik: Eva Stützer