Über Kaffeekamele und Satanskult
Ich glaube, ich habe ein Rad ab

Die Sonne und das Gewissen verbünden sich gern gegeneinander. Gibt man sich ihnen hin, ist der Körper der Leidtragende. Wie man’s macht, so macht man’s falsch.

„Schau mal, das Wetter ist schön. Lass uns mal wieder Fahrrad fahren.“, sagt mein Bruder.
Na klar, denke ich. Wollte ich sowieso mal wieder. Ich erinnere mich mit Freude daran, wie wir vor Jahren Radtouren über Stock und Stein durch den Wald gemacht hatten, nach denen ich so fertig war wie eine Pizza frisch aus dem Steinofen.

Das Problem dabei ist nur: Wir waren vor Jahren mit dem Rad unterwegs. Damals waren sogar mein kindlicher Übereifer und mein Anflug von ADHS ausgelastet. Wenn ich heute den ebenen, geteerten Radweg über drei Kilometer ins nächste Dorf fahre, feiert meine Lunge Silvester, dass es knistert und die Luft verbrannt riecht.

Da ich davon ausgehe, mit Brüderlein eben jenen Weg zu fahren, merke ich nicht, wie er abbiegt und muss eine Extrarunde drehen. Nach einer Diskussion über die Route gebe ich nach. Er wird den Weg schon kennen. Wir fahren. Bergauf, bergauf, bergauf.
Bis er mich vor die Wahl stellt: „Wir könnten jetzt diese Serpentinen fahren. Bergauf natürlich.“
„Ne, das ist aber nicht schön.“, keuche ich.
„Dann nehmen wir den kürzeren Weg durch den Wald.“, sagt er und schiebt sein Fahrrad an. Ich stehe vor der 60% Steigung und sehe das Ende des Weges nicht. „Sag mal, willst du in den Himmel? Da kommst du eh nicht rein.“

Oben angekommen geht es mir nicht besser. Auch der nächste Streckenabschnitt führt bergauf. Ich versuche, ihn einzuholen und frage: „Die Erde ist doch rund, oder? Wie kann es denn da sein, dass es hier nur nach oben geht, sogar wenn du dich umdrehst?“
Da ist ein unangenehmer Schmerz in meinen Ohren und der Schädel dröhnt wie am Neujahrstag.
Nach einigen weiteren Kilometern, in denen wir dann doch mal in enormer Geschwindigkeit rollen konnten, sodass ich an Brüderchen vorbeizog und „Huuuuuuuuiiiiiiiiiii!!!“ rief, muss ich wieder in die Pedale treten. Ich fühle mich als wäre ich den Wikingern zum Opfer gefallen, die den sagenumwobenen Blutadler an mir vollzogen hätten. Zum Glück verliere ich die Lunge nicht und hebe auch nicht samt Rad vom Boden ab.

Irgendwann sind wir auf der Straße. Autos kommen uns entgegen und überholen. Wenn ich Briefmarken dabei hätte, würde mich die Deutsche Post sicher mitnehmen. Habe ich aber nicht und muss weiterhin die Oberschenkelmuskeln foltern, obwohl die gar nicht so arg schmerzen. Bin wohl doch nicht ganz untrainiert. Sportverein einmal pro Woche zahlt sich aus.

Es gibt sicher Leute, die diesen Weg ohne Zucken und Jammern fahren, doppelt und dreifach in weniger Zeit, aber ich gehöre nicht dazu. Ich bin viel zu ungeübt. Mein Rad ist auch nicht mehr das jüngste, ich bekam es zur Kommunion. In zwei Jahren können wir Jubiläum feiern. Ich schätze, die Gangschaltung wird das nicht mehr miterleben, sie peilt es jetzt schon nicht, wenn ich was von ihr will.

Ich nehme mir vor, öfters zu fahren. Ob das funktionieren wird? Eine gute Sache hat es ja: Wieder mal eine Ausgabe „Über Kaffeekamele und Satanskult“ hinter mich gebracht. Wobei ich schon noch erwähnen sollte, dass es eine dezent bescheuerte Idee ist, während der Fahrt Fotos machen zu wollen.

 

Text und Foto: Eva Stützer