Über Kaffeekamele und Satanskult
Ein Tag in der Arztpraxis

„Wenn ein Arzt hinter dem Sarg seines Patienten geht, so folgt manchmal tatsächlich die Ursache der Wirkung.“ Robert Koch
Eine Reportage über eine junge, aber mutige Ärztin und ihre arme Patientin

„Wir müssen das hier rausoperieren.“, sagt sie mit dem aus dem Biologieunterricht geklauten Sezierbesteck in der Hand und beugt sich zu ihrer Banknachbarin hinunter, die bereitwillig ihre Hand mit dem Leberfleck hinhält. Vorher zog sie sich einen Fingerhandschuh an – den zweiten hat sie nicht gefunden – und begründet das mit: „Wir wollen ja hygienisch bleiben.“

Wieder einmal sitze ich fassungslos daneben und glaube, dass dies eine als Schule getarnte Irrenanstalt ist. Andererseits kommt mir das hier auch wie eine Dokusoap vor, denn merkwürdigerweise kommentieren die beiden das Geschehen nachträglich.
Um sie nicht zu belasten, nenne ich sie X, die „Ärztin“, und Y, die „Patientin“.

X: „Ohne Handschuh, ja, das war fahrlässig. Es waren auch nicht die richtigen OP- Handschuhe, aber die besorge ich noch.“

„Wir müssen die Haare vor dem Eingriff entfernen.“, sagt X und nimmt eine Rolle Klebeband, während Y erschöpft an die Wand sinkt.
„Du darfst nicht schlafen, du hast keine Vollnarkose.“, schimpft X.
„Ach so, nur örtlich? Ich sag dir was, wenn das weh tut, hau ich dich um.“, droht Y.
„Ich hab dir gesagt, nimm eine Schmerztablette!“

X: „Eva, du hast ja noch gar nicht meine neuste Errungenschaft gesehen: eine Pinzette.“

Während des Spektakels hat unsere Deutschlehrerin Probleme, es zu ignorieren und den Unterricht fortzusetzen. Sie bittet die beiden, mitzuschreiben.
„Wie denn? Meine Hand ist betäubt.“
„Raus aus dem OP!“, sagt X und schmiert Tip-Ex auf die Stelle, die sie jetzt schon 20 Minuten mit Seziernadel, Skalpell und Stiften bearbeitet hat und schließlich Klebeband verschließt. „Das ist ein Wundverband.“
„Cool. Ein durchsichtiges Pflaster hatte ich noch nie.“, freut sich Y und pult daran herum.
„Nicht kratzen, sonst bekommst du eine Halskrause.“

Y: „Ich will auch mal operieren.“ (Versucht, Tip-Ex auf Xs Arm zu schmieren.)
X: „Hör auf, das ist giftig!“
Y: „Aber bei mir hast du das auch getan.“
X: „Das ist was anderes. Du bist Laie.“

Dann ist erst mal Ruhe und zur Freude unserer Lehrerin flauen auch langsam die Lachkrämpfe der anderen Mitschüler ab.
Doch dann schaut mich Y erschreckt an. Ihr Arm zuckt wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Meine Nerven kommen wieder.“
Mir ist zwar nicht klar, was daran schlecht sein soll, aber X packt das Klebeband, wickelt es sehr fest um den Arm und unter dem Tisch durch und schreit: „Ich nehme dir den Arm ab.“
Der Arzt wird schon wissen, was er tut. Selbst, wenn der Patient schreit: „Mein Arzt knebelt mich!“

Y: „Es war ein kompletter Fehleingriff. Nur Schmerzen brachte es mir.“
X: „Du hast doch Schmerzmittel bekommen. Reichen die nicht?“
Y: „Nein! Die wirken nicht!“
X: „Doch, du nimmst die ganze Reihe hier! 1600 mg Ibuprofen. Hauen die dich um?
Y: „Nein.“
X: „Das nächste Mal bringe ich die härteren Mittel mit.“

Plötzlich hat sie merkwürdige Kapseln in der Hand. „Das sind Enzymtabletten.“ „Woher hast du die?“, frage ich. „Aus dem Biounterricht. Davon gab’s mehr als genug.“, und –schwupps- landen sie in Ys Wasserflasche, als diese kurz wegschaut. „Nur schade, dass die sich so schwer lösen.“

Y: „Was???!! Die hab ich getrunken?!?!“
X und ich brechen in Gelächter aus.

„Ich kann auch Piercings.“, sagt sie später und ich hole mein Feuerzeug heraus, um die Seziernadel zu erhitzen, aber leider findet sich kein Piercingfreund. Stattdessen nimmt die ihre Mütze, die wie ein Bärenkopf aussieht und sticht ihm durch das Ohr.

Wenn man der Einzige ist, der sich wundert , könnte es auch sein, dass man selbst das Problem ist.

„Eva, gibst du mir mal dein Lateinbuch?“ Ich weiß nicht, warum ich nicht mal nach ihrer Intention frage. Sie schlägt es an irgendeiner Stelle auf und greift zu der Seziernadel, mit der sie die Außenlinien der Figuren im Buch nachgeht. Ich werde Zeuge des „Brickelns“.

X: „Das ist Kunst.“
Y: „Hohe Kunst.“
X: Wenn man das Lateinbuch nicht anders verwenden kann, muss man es halt so machen.“

Kurz darauf steigt sie wieder um, piekst die Nadel an ihren Finger und meint: „Das ist wie Akupunktur. Ich mache es auch ganz zart.“

X: „Akupunktur ist eine sehr bewährte Methode.“
Y: „Wenn du es nicht machst.“

Dann entdeckt sie die Schere für sich und beginnt, Y die Haare zu schneiden. So einfach geht Umschulung. Die Zukunft steht ihr offen.

X: „Fotos im OP? Spinnst du? Außerdem herrscht hier Schweigepflicht!“

Text und Fotos: Eva Stützer

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