Über Kaffeekamele und Satanskult
Berühr mich! Fass mich an!

Vielleicht kompensieren manche Menschen ihre Sehnsucht nach Zuneigung oder ihre Berührungsängste mit ihren Smartphones. Das ist traurig.
Manchmal wäre es doch besser, andere Menschen anzufassen, als sein Handy, oder?

Neulich bot sich mir ein emotional sehr bewegendes Bild.
Im Physikunterricht legten wir gerade eine kleine Pause ein und ich drehte mich zur Auflockerung nach hinten. Dabei fiel mein Blick auf die Schüler in der letzten Reihe.

(Nachgestellte Szene)

Mir stiegen fast die Tränen in die Augen.
Wo vor einigen Jahren noch Gelächter und Gebrüll den Raum und auch das ganze Stockwerk der Schule erfüllt hätten, fand ich nur noch Stille. Aus vier Jungs, die mit großen Augen auf ihre Smartphones starrten, wurden plötzlich sechs, sieben, acht. Es zog sich durch den ganzen Raum. Alle Schüler und Schülerinnen holten ihre handtellergroßen Handys hervor und wenn jemand redete, dann nur, um die Aufmerksamkeit eines anderen auf sein eigenes supertolles Smartphone zu lenken. Ich war heilfroh, dass wenigstens mein Physiklehrer lieber mit Kondensatoren spielte als mit dem Handy.

Leider kommt dieses Phänomen des Getouches immer öfter vor. Auf Partys bringt mittlerweile jeder seine eigene Musik mit und da man sowieso kein Wort versteht, lässt man es gleich und schreibt sich lieber per Whatsapp, obwohl man nebeneinander sitzt. Es soll sogar Beziehungen geben, die nur über das Internet geführt werden, denn würden sich Junge und Mädchen gegenüberstehen, gäbe es nur verhaltene und peinliche Stille.
Beim Betreten eines Cafés oder Restaurantes legt jeder zuerst die Tatsachen auf den Tisch: Sein Handy. Wenn es wenigstens nackte Tatsachen wären, aber nein, man zieht diesen Dingern farbige Hüllen an oder beklebt sie mit Stickern.
Nennt mich oldschool, aber irgendwann ist es mit der Modernisierung genug, oder?

Fast wäre ich froh darüber, dass so viel Unüberlegtes ausgesprochen bleibt und daraus folgend auch viel Sauerstoff gespart wird, wenn ich nicht wüsste, wie umweltschädigend das Aufrechterhalten der Onlinesysteme ist.

Andererseits überraschen mich diese kleinen Geräte auch ab und zu. Gehe ich mit einer infizierten Person Seite an Seite durch die Stadt, so erkenne ich, dass Smartphones entschleunigen. Man mag es kaum glauben, aber es ist wahr.
Lateinunterricht wird durch Spiele aufregender und Tests schreiben sich plötzlich leichter.

Trotzdem bemitleide ich Smartphonebesitzer.
Manchmal vergessen sie, dass sie ihr Smartphone noch in der Hand haben und suchen es plötzlich.
Sie beschweren sich über das schlechte Internet in der Schule und fordern dessen Ausbau.
Und dann fuchteln sie damit in der Luft rum, so dass man schon denkt, sie hätten eine Wünschelrutenapp, aber nein, die armen Schweine suchen nur Empfang.

Viele Eltern haben Angst davor, dass ihre Kinder von Drogen abhängig werden könnten und trotzdem geben sie ihnen ein Gerät mit so viel Suchtpotential in die Hand.

Traut euch: Macht kaputt, was euch kaputtmacht!

Es ist ein ruhiges Leben ohne Smartphone und mobiles Internet. Bis heute kann ich nicht wirklich mit den Dingern umgehen. Aber auch, wenn ich bereits „Eva mit der kleinen, roten Telefonzelle“ genannt werde, hab ich nicht vor, sie zu ersetzen. Sie hat sich einfach bewährt.

Meine kleine, rote Telefonzelle

Manchmal glaube ich, ich habe den Zugang zur Menschheit verloren. Oder die Menschheit den zum gesunden Verstand.

Sie werden weiterhin dasitzen wie Hühner auf der Stange. Selten verändert sich dieses Bild. Doch ich habe einen Weg gefunden, das kurzfristig zu ändern. Immer, wenn ich das Jim-Magazin mitbringe, legen sie ihre Smartphones beiseite und lesen.
Das ist schön.

Text: Eva Stützer
Fotos: Thomas Schabestiel (Nr.1 und 2), Eva Stützer (Nr.3)