Über Kaffeekamele und Satanskult
Mein Leben als Poetry Slammer 3

Ich liebe diese Berufung, die mich zum Reisen bringt. Auf in neue Gefilde! Ich entdecke das fantastische Weida bei Gera, wo der KlosterSlam stattfindet.

Freitag nach Schulschluss. Ich stehe seit 30 Minuten vor der Schule in der brütenden Hitze und warte auf meine Mitfahrgelegenheit. In 40 Minuten muss ich am Bahnhof sein. Na super.
Wieder den richtigen Fahrer ausgesucht. Zeitmanagement wie ein Kilo Mett.

Doch es geht gut. Am Bahnhof Ticket ziehen und ab in den Zug. Fast drei Stunden Fahrt, dann steige ich aus und stehe vor einer Menge… nun ja, wie soll ich es nennen? …. Nichts.
Weida ist Teer und Natur. Wo sind diese vermeintlichen 17.000 Einwohner?


Ich schaue es mir gründlich an. Wahnsinnig schön und idyllisch hier. Blumen am Fluss und aus der Schule dringt der Gesang eines Chores.
Ich frage eine Dame, wo die Marktstraße ist. Dahin muss ich. „Gibt’s hier nüsch.“, meint sie.
So liebe ich das.

Sie schleift mich mit sich zu einem Herrn, der „vom Markt isch“. Der muss es ja wissen.
Gefühlte 15 Minuten spekulieren diese freundlichen Wesen, wo der sagenumwobene Ort sein könnte, den dieses fremde, verdächtige Mädchen sucht.
Dann werde ich dorthin begleitet. Die sind ja alle so nett hier!
Es stellt sich heraus: Die Straße gibt es wirklich. Im Gegensatz zu allen anderen Straßen ziert ihr Name sogar ein Schild.

In der Klosterschänke werde ich sehr freundlich von Rainer, dem Moderatoren, begrüßt und dann in den Hinterhof geleitet. So was Schönes sieht man selten.
Keine Bühne, nur ein Mikro und die Sonne als Scheinwerfer. Fantastisch.
Die Slammer quatschen im  Backstage, das Publikum ist total konzentriert und zwischendurch laufen Katzen durchs Panorama.

Drei von sechs Slammern kommen ins Finale. Darunter ich. Ich freu mich kaputt. Mit einem Punkt Vorsprung lande ich vor meinen fabelhaften Mitstreitern auf dem ersten Platz und gewinne einen flauschigen Preis. Türmli, das Wahrzeichen Weidas in Kuscheltierform. Ich bin völlig überwältigt.

Noch ein paar Abschlussdrinks im Hinterhof, interessante Gespräche, Kontakt zum Publikum.
Um Mitternacht im Bett. Das ist Rock’n’Roll in konzentrierter Form.
Sehr früh muss ich am Bahnhof sein. Das Wochenende wird noch hart.

Das deutet sich mir schon omenhaft an, als ich bemerke, dass der Hauptbahnhof Erfurt heute still bleibt, ich eine Stunde länger fahren und drei Mal umsteigen muss. Dazu eine halbe Stunde Aufenthalt in Saalfeld.
Todesmutig, ja angesichts meiner Orientierungsschwäche geradezu lebensmüde, mache ich mich auf den Weg in die Stadt.  Eine Anzeige klärt mich über Temperatur, Windgeschwindigkeit, Luftdruck und  vieles mehr auf, aber einen Stadtplan gibt’s hier nüsch.
Trotzdem finde ich den Weg zurück. Bei Gelegenheit stelle ich mir selbst eine Urkunde aus: „30 Minuten Saalfeld – Überlebenskünstler“

Im übernächsten Stopp packt mich mal wieder Wut. Oder Verzweiflung. Enttäuschung. Ist auch egal.
Aber da fährt man ganz angenehm Erfurter Bahn, die muss ich an dieser Stelle einmal ausdrücklich loben, und alles ist in bester  Ordnung.
Doch sieht man sich gezwungen, in rollende Schrottkiste der Deutschen Bahn zu steigen, mündet eine Katastrophe in der nächsten.

Ich darf auf Gleis 2 lesen, dass mein Zug, der auf Gleis 3 fahren sollte, heute mit zwanzig Minuten Verspätung auf Gleis 1 fährt.
Das gibt noch mal einen gepfefferten Hasstext.
Während dieser Tour fühle ich mich wie Napoleon.
Doch ich erreiche das nicht ganz so schöne Mühlhausen und sende nochmal ein tausendfaches Dankeschön an alle Weidaner (?) für diesen wunderbaren Poetry Slam.

Text und Fotos: Eva Stützer