Über Kaffeekamele und Satanskult
Die Bestimmung

Die Schule bildet uns, ganz klar. Doch die meisten verstehen nicht, wofür. Endlich wurde aber die Bestimmung eines Schülers gefunden. Hier die aktuellen Erkenntnisse.

„Du musst einfach tiefer in die Figur hineingehen.“, sagt meine Deutschlehrerin, als sie mir die Rollenbiographie zurückgibt, die sie schlechter bewertet hat als ich erwartete.
Ich glotze sie an wie ein Frosch den herannahenden Reifen.
„Was haben Sie denn für perverse Vorstellungen?“
Sie schaut erst irritiert, dann gelangweilt und entfernt sich wortlos, um auch noch den anderen klar zu machen, dass wir alle nicht empathisch und kreativ genug sind, um die Aufgabe zufriedenstellend zu lösen.

Und dafür habe ich zwei Stunden meiner kostbaren Zeit geopfert. Wahnsinn.
Ich räche mich, indem ich komplett abschalte. Ist ja nicht so, als wäre der Unterricht spannend. Jetzt darf sie zwei Stunden verschwenden. Schade nur, dass sie Geld dafür bekommt.

Die Klingel erweckt mich aus meiner komatösen Lethargie.
„Wir gehen jetzt in die Pause.“  Ja, ja, schon klar. Mit einem Lehrer gehe ich nirgendwo hin, solange es sich vermeiden lässt.
Was sich leider nicht vermeiden lässt, sind die folgenden beiden Mathematikstunden.

Gesucht ist das Grenzwertverhalten für x gegen unendlich.
„Dafür gehen wir in die Funktion rein.“, versucht mein Mathelehrer zu erklären.
Und da frage ich den Grenzwärter ganz höflich nach dem Weg, oder was?
Hier läuft doch irgendwas falsch.

Spielen die Lehrer neuerdings ein Spiel? Wer die Formulierung „in etwas hineingehen“ am häufigsten gebraucht, ohne entdeckt zu werden, gewinnt?
Spielen Schüler auch manchmal, aber bei uns ist es witziger, denn wir können uns gegenseitig überprüfen. Außerdem verwenden wir lustigere Begriffe. Wir sind High-Level-Gamer.

Es bleibt also nur eine Erklärung: Die Wiederholung jener Phrase muss von pädagogischer Relevanz sein. Sie soll uns scheinbar auf unsere Zukunft vorbereiten, wie es in der Schule nun mal üblich sein müsste. Das kann nur eins bedeuten.
Ich soll also ein Bohrer werden.

Ja, natürlich. Warum nicht? Als Bohrer hat man natürlich viele Perspektiven: in der Medizin als Zahnarztbohrer oder in der Bauindustrie. Dort gibt es diverse Spezialisierungen. Und wer es nicht so weit bringt, muss halt Dübel, Schraube oder Nagel werden. Von mir aus auch Zahnfüllung, solang man in irgendeiner Weise irgendwo reingeht.

Mein Zynismus ist natürlich maßlos übertrieben. Doch manchmal glaube ich, dass meine abgedrehten Ideen fast gar nicht so abwegig sind.
Man bedenke nur einmal, wie viele Abiturienten jedes Jahr in der Wirtschaft oder Politik landen, wo sie ganz unten anfangen müssen als bemitleidenswerteste aller „In-etwas-Hineingeher“: Arschkriecher…

Text und Foto: Eva Stützer