Über Kaffeekamele und Satanskult
Offener Brief an das Mädchen im Zug

Es gibt Menschen, die sind einem beim ersten Blick unsympathisch. Es gibt Menschen, die können das auch ohne weitere Interaktion auf die Spitze treiben.

Liebe Unbekannte,

 

Ich finde fröhliche Menschen super. Sie sind viel besser als Trauerklöße oder Leute, die sich unentwegt beschweren. Sie fangen in den seltensten Fällen Streit an, sprengen sich oder andere in die Luft und haben keinen Grund, sich zu bekriegen. Fröhliche Menschen lassen einen oft vergessen, dass die Welt ein stinkendes Loch ist, ein Sündenpfuhl, an dem wiederum nur Menschen Schuld tragen. Paradox, oder?

 

Ich finde es auch toll, wenn sich Leute gut mit ihren Vätern verstehen. Das macht so viele Dinge im Leben einfacher. Gute Beziehungen, stetige und offene Kommunikation mit anderen sind sehr erstrebenswerte Dinge.

 

Insofern muss ich meinen Hut vor dir ziehen, junge Dame. Du scheinst ein sehr glückliches Mädchen zu sein. Thumbs up.

 

Es ist also schön, dass du mit deinem Papa telefonierst.

Aber wenn du währenddessen deine widerlichen McDonalds Fritten in dich reinstopfst, die garantiert nicht förderlich für deine Figur, dein Immunsystem und deinen Karmastand sind und ins Telefon schmatzt, dass „die Janni sich mit dem Kai rumgeknutscht hat“, was du sicher weißt, weil Andrea es gesehen hat und dabei immer wieder kicherst wie eine Amateurdarstellerin in einem Teenieporno,

Wenn du dann nach dem Gespräch auch noch deine Freundin fragst, woraus Mayonnaise eigentlich besteht, dir dein Gesicht im Spiegelbild des Fensters in die Breite ziehst, um es zu begutachten und enttäuscht kommentierst, dass du dir vielleicht kontinuierlich morgens und abends einen gefrorenen Löffel unter die Augen halten solltest,

Wenn du dann trotzdem Duckfaceselfies machst und sie auf Facebook oder Instagram hochlädst, dir einen möchtegernphilosophischen Text auszudenken versuchst, der aber am Ende nur lautet:

Alles, was von uns bleibt ist ein Kapitel

in einem Buch mit kompliziertem Titel.

Doch trotzdem les‘ ich es immer wieder, in der Hoffnung,

das Ende schreibt sich doch um.

 

Wenn du dann ein Magazin öffnest, dass ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde und daraus deiner Freundin Geschichten über Heidi Klum und Helene Fischer, über Kate und William oder andere unbedeutende Persönlichkeiten erzählst, für deren Namen zu kennen ich mich schon hasse,

 

Dann möchte ich dir am liebsten

 

Mal ganz kräftig deine aufgepimpte Fresse polieren
Ketchup auf deine schicki micki Bluse schmieren
Dir nach meinem Geschmack ne neue Frise kreieren
Und so eine nie geahnte Krise spendieren

 

Hoffentlich fällt dabei dein Schädel nicht ein
Denn hinter deinem Gesicht scheint nur dicke Luft zu sein
Und wenn die entweicht bei deinem langatmigen Schrein
Wird dein Papa mir den Schaden sicher nie verzeih‘n

 

Ich möchte dir nicht gleich mein Denken oktroyieren
Doch gerne würd ich deinen Kopf defragmentieren
Und sollte das nicht klappen, das Ding reklamieren
Anscheinend ist es nötig, da ganz viel zu reparieren

 

Denn die Namen der Geißens gehören sicher nicht hinein
Die Schicksen von GNTM und der ganze Scheißverein
Lies lieber mal ein Buch über Philosophie vom Sein
Statt den Rotz durch den wehrlosen Zug zu schreien

 

Sonst hast du vielleicht später keine Mark auf der Bank

Aber Augenringe, so groß als wärst du krank 

Durch deine ungewollten Kinder voller Undank

Doch zum Glück ist immer noch ein Löffel im Eisschrank

 

Also, Fräulein, was ich dir eigentlich damit sagen will, sprich beim nächsten Mal doch bitte leiser. Du könntest andere Fahrgäste stören.

 

Text: Eva Stützer
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