Über Kaffeekamele und Satanskult
Man sieht den Mensch vor lauter Menschen nicht

Das Problem, wenn man viele Leute kennt, ist, dass man sie auch wiedererkennen muss, sonst fühlen sie sich beleidigt. Ein Blick hinter die Kulissen der Meisterin der nonverbalen Beleidigungen.

Tatort: Unibibliothek. Täter: Alle Menschen um mich herum. Oder bin ich die Täterin? Schließlich passiert es immer mir. Kann ich mich, nur weil ich auch geschädigt bin, immer in die Opferrolle zwängen?

Was geschehen ist? Nun, eigentlich nichts. Wie immer bin ich hineingestiefelt, vom Radfahren ein wenig zerzaust, die Kopfhörer schalldicht in die Ohren gepfropft, das Gesicht eine versteifte, erbarmungslos unsympathische Miene, „Quatsch mich ja nicht blöd an“ farblos auf die Stirn tätowiert.

Es wirkt. Obwohl ich ständig in die hiesigen Aktivitäten involviert bin, erkennt mich kaum einer mal wieder. Und wenn, dann hat sich das nach einigen Tagen auch wieder erledigt. Fluch und Segen der unscheinbaren Bühnensau.

Aber dann – eine Bewegung im Augenwinkel. Eine Hand zum Gruße. Galt sie mir? Zaghaft ist sie wieder nach unten gesunken, als der Handinhaber mein Gesicht erblickte. Eine rote, schrille Signalleuchte springt in meinem Kopf an. Kleine ausgeburnte Arbeitersynapsen unterbrechen ihre Mittagspause, pfeifen sich einen Adrenalindrink rein und durchforsten die Menschendatenbank. Namen. Viele Namen. Schöne und blöde, mit unterschiedlichen Schreibweisen. Weiblich, männlich, etwas dazwischen, sogar aus verschiedenen Sprachfamilien. Mensch, kenne ich viele Namen. Klasse! Bestimmt auch den des Winkers. Aber nicht sein Gesicht. Dazu fällt meiner Datenbank nichts ein. Schlecht implementiertes Ding.

Blöde Sache, nichts anmerken lassen, einfach weitergehen, die Treppe hoch und – Bam! Ein Gongschlag erschüttert mein Oberstübchen. Das war doch …?

Ja, das war die und der, kenne ich seit dann und wann, habe mit ihm/ihr jene Anzahl Bier/Wein/ Cocktails/Schnaps zu dieser und jener Gelegenheit getrunken. Die Eltern heißen so und so, haben am hmpften hmpften Hochzeitstag und essen am liebsten Nudeln mit Ketchup. All das kann ich mir merken und es fällt mir immer gleich ein, nachdem ich mir den peinlichen Moment angetan habe.

Es passiert mir nicht nur bei Leuten, die ich alle zwei Wochen mal in der Vorlesung sehe. Nein, jeder bekommt die Chance, von mir nicht erkannt zu werden. Manchmal weiß ich sogar, dass ich jemanden kenne, grüße freundlich und habe auch nach drei Minuten Gespräch immer noch keine Ahnung, wer es ist. Ja selbst mein Exfreund beschwerte sich damals mehrfach, ich würde ihn ignorieren. Nö, ich habe ihn halt einfach nicht erkannt.

Es liegt weniger daran, dass ich nicht in der Lage bin, mir Menschen einzuprägen, sondern eher, dass ich Dorfkind bin. Selten war ich gezwungen, Zeit in Menschenmassen größer als 30 Personen zu verbringen. Mehr kann ich ab und zu auch aushalten, aber seit ich in der „silbernen“ Stadt wohne, sehe ich täglich mindestens das Dreifache. Überall lauern sie, kommen mir auf der Straße entgegen, undurchdringliche Menschenketten, sitzen in Cafés und glotzen mich an. Da wird man nun mal menschenblind.

Jetzt könnt ihr euch natürlich fragen, ob mein Schädel versucht, euch einzuordnen, wenn ihr mir entgegenlauft. Eher nicht. Ich achte vielmehr darauf, niemanden umzurennen, als über Leute nachzudenken. Denn ich weiß, dass es nicht funktioniert. Lieber spare ich mir den Aufwand, glotze wie ein kleiner Klischeenerd auf den Boden und ignoriere alles um mich herum.

Meistens denke ich nur Sachen wie: „Das ist ein Fahrradweg, du dumme Sau! Es wird dir doch keinen Zacken aus der Krone brechen, 50 Zentimeter weiter links zu laufen!“ oder „Ach, du kommst zum Telefonieren hier her? Ist die Bibliothek ein verf***tes Callcenter oder was? Du willst nur den Preisvergleich für den Türkeiurlaub deiner Familie durchführen? Siehst du den Arbeitsraum voller Leute, die es nicht interessiert, du Mango?“

In meinem Kopf sitzt nämlich eine kleine tobende Battle Eva, die permanent alle Dinge, Personen und Geschehnisse beleidigt. Fiese kleine Möps wie sie könnten dieses Wissen jetzt ausnutzen und mich absichtlich verwirren, wenn sie mich treffen. Sollen sie doch. Zumindest kann ich mir dann einbilden, ich wäre bekannt. Wird langsam mal Zeit, die Allüren wieder aus dem Schrank zu holen.

Wenn ihr aber wirklich mit mir sprechen wollt, dann stellt euch vor, brieft mich mit unserer gemeinsamen Lebensgeschichte und ich werde antworten: „Klar, als ob ich dich vergessen könnte!“

 

 

Nächstes Mal bei Über Kaffeekamele und Satanskult: Wie sehr ich Menschen verachte, die mich aus dem Auto heraus anhupen und glauben, ich könnte mich an ihre dämliche Karre erinnern.

 

Text und Grafik: Eva Stützer