Über Kaffeekamele und Satanskult
Immer wieder, aber diesmal doch anders

Ich weiß nicht, wie oft ich schon über Wahlkampf geschrieben habe, aber zum ersten Mal bin ich mit am Start. Also hinter dem Stimmzettel. Habe mir das nur irgendwie besser vorgestellt.

Ich habe mich früher auch schon für Politik interessiert. Zumindest für das große Ganze. Ich weiß, wer die meisten Parteien sind und wofür sie stehen, habe die eine oder andere Lachnummer verfolgt und zum Teil Wahlprogramme recherchiert, wenn auch manchmal nur mit Informationen aus zweiter Hand. Mit den einzelnen Direktkandidaten habe ich mich noch nie auseinandergesetzt, aber warum auch? Meine Stimme hat ja eh niemanden interessiert. Ich war mit weniger als 18 Jahren scheinbar zu unreif, zu dumm zum Wählen.

Jetzt, wo ich mich endlich mal an der Wahl beteiligen darf, ist mir blöderweise aufgefallen, dass ich mich in letzter Zeit immer weniger mit Politik befasst habe. Weshalb? Nun ja, ich studiere. Wenn ich mich also mal nicht mit Unikram befasse, dann eben noch mit dem JiM Magazin. Oder mit Poetry Slam. Oder dem gemeinnützigen Verein, als dessen Vorstand ich mich um allerlei Erledigungen zu kümmern habe. Oder eben auch manchmal mit persönlichen Beziehungen. Wo bleibt da die Zeit? Außerdem bin ich es leid geworden. In den letzten Jahren ging so viel –mir fällt keine passendere Bezeichnung ein – kranker Scheiß in der Welt ab, so viel Unsinn und so viele Leute, die mit ihren oberflächlichen Meinungen, populistischen Parolen und viel zu einfachen Erklärungen daraus Oberwasser gewinnen konnten. Da wird man doch einfach müde und depressiv.

Ich habe heute meinen Wahlschein abgeholt. Für die Zweitstimme habe ich zumindest schon eine eingeschränkte Auswahl getroffen. Bei der Erststimme bin ich mir noch unsicher, daher habe ich mir die Wahlkreisabgeordneten angeschaut und im Internet nach Informationen über sie gesucht.
Ich finde es sehr gut, dass das „Angebot“ so durchmischt ist: Bundestagsabgeordnete, Professoren, Wissenschaftler, aber auch Studenten und „einfache“ Berufstätige.

Was aber den Hintergrund der Kandidaten angeht… Puh, meine Fresse! Einer ist schon mal gar nicht zu finden. Keine Internetseite, kein Wikipedia, nicht mal Facebook. Für jemanden, der laut örtlicher Presse schon 2014 zur Wahl antrat, ist das wirklich ein Armutszeugnis. Wie soll ich mir überhaupt ein Bild über die Person machen?

Die CDU geht ins Rennen mit einer völlig unübersichtlichen und überladenen Internetseite. Lebenslauf ist dabei, ja, ist schon interessant, wie die Person überhaupt zur Politik kam, aber dass man die Ziele in fünf Stichpunkten pro Thema zusammenfasst, auf eine Art, die ungenauer und platter nicht sein könnte, heißt entweder, dass die Person keine wirklichen Ziele besitzt oder dass sie schon alles umgesetzt hat. Letzteres bezweifle ich.
Außerdem erwarte ich nach 15 Jahren Bundestagsabgeordnetentätigkeit ein paar Informationen mehr darüber, was man schon erreicht oder zumindest, wofür man sich eingesetzt hat. Liebe CDU, nicht zum ersten und wahrscheinlich auch nicht zum letzten Mal hast du mich enttäuscht.

Der FDP Kandidat entspricht ganz der neuen, hippen Richtung, die die Partei eingeschlagen hat. Finde ich alles in allem etwas aufgesetzt, aber trotzdem besser als vorher. Er verspricht, sein Wahlprogramm bei einem am Wohnzimmertisch zu diskutieren, wenn man das will. Er würde sogar Kaltgetränke mitbringen. Ist ja eine nette Idee, aber ich will das nicht. Ich möchte auch nicht jeden einzelnen Artikel seiner Homepage, jeden Facebookpost und jede bekackte Twitternachricht durchlesen müssen, um seine Positionen auch nur erahnen zu können. Ich will mich genauso wenig nur an seiner Partei orientieren müssen. Ich will seine Standpunkte und zwar konkret, das heißt wenigstens einen Ansatz, wie die Ideen umzusetzen seien. Kann denn das so schwer sein?

SPD: Internetseite vorhanden, Punkte klar zusammengefasst, sind auch ein paar unterstützenswerte Dinge dabei. Schön. Aber kein wie und warum. Sie hat auch immerhin drei Meinungen in kurzen Texten dargestellt. Mehr als andere haben. Leider fehlt auch hier, was man in den letzten Jahren erreicht hat.

Viele haben die Grünen verlacht. Ich auch. Obwohl ich ein starkes Bewusstsein für Umweltthemen und Nachhaltigkeit habe, sah ich die Grünen nie als „meine Partei“. Ich muss aber sagen, dass der grüne Kandidat mich überrascht hat und zwar positiv. Auf seiner Internetseite stehen seine Positionen relativ knapp zusammengefasst, aber glücklicherweise auch mit den Beweggründen. Er sagt nicht „Wir müssen dies, wir müssen das“, sondern nennt einige Probleme und deren Lösungsansätze. Er verspricht keine Heldentaten, sondern erklärt einfach die Notwendigkeit. Und falls einem das nicht reicht, bietet er die Möglichkeit der Kontaktaufnahme. Habs zwar nicht ausprobiert, aber wenn das funktioniert, finde ich das gut. So in etwa würde ich mir das von allen Kandidaten wünschen. Vielen Dank.

Liebe Linkspartei, ihr habt verdammt viele Informationen zu eurem Kandidaten. Das ist ausgezeichnet. Aber mal ehrlich, nicht jeder ist gewillt, sich das alles anzusehen. Da ist die Rubrik „Auf den Punkt gebracht“ sehr sinnvoll. Aber bringt es doch bitte auch auf den Punkt und stellt keine zig Downloads bereit. Da explodiert einem doch der Kopf.

Ein Kandidat fehlt noch, aber muss ich erläutern, dass die AfD für mich nicht in Frage kommt? Nö, schau ich mir gar nicht erst an.

Zuletzt sei noch gesagt, dass ich hier nur meine subjektiven Meinungen und Eindrücke notiert habe. Natürlich bin ich in meiner Einstellung vorbelastet. Vielleicht würde ich auch völlig anders denken, wenn ich nächste Woche nochmal drüber schau. Ich schreibe auch niemandem vor, was er zu wählen hat, vor allem, weil ich glaube, dass die meisten Leser aus völlig anderen Wahlkreisen stammen. Ich will nur mal zeigen, dass es gar nicht so schwer ist, sich zu informieren und eine Entscheidung zu treffen. Man muss es nur tun. Und vielleicht dringen die einen oder anderen Verbesserungsvorschläge ja sogar bis nach oben durch.

Ich melde mich nach der Wahl damit wieder, dass ja eh alles schon vorher entschieden war und uns nichts neues erwartet. Same procedure as every Wahljahr. Bis dahin, frohes Wählen!

Text und Grafik: Eva Stützer