Über Kaffeekamele und Satanskult
Ein Ausflug ins Erzgebirge

Das Lichtelfest in Schneeberg lockt jährlich hunderte Besucher.
Ein kleiner Produkttest.

Da ich am Wochenende meist nicht viel mehr zu tun habe als den Vorlesungsstoff nachzuarbeiten und die Hausaufgaben zu machen, habe ich diesmal zugestimmt, es mit Basti in seiner Heimatstadt Schneeberg im finstren Erzgebirge zu verbringen. Dort findet passender Weise auch noch das Lichtelfest, also der Weihnachtsmarkt, statt und wir können am Samstag in Bastis Geburtstag hineinfeiern.

So machen wir uns am Freitag Nachmittag auf den Weg. Je weiter wir ins Erzgebirge vordringen und je dunkler es wird, desto mehr erleuchtete Schwibbögen sieht man. Der erste Streit bahnt sich an. Ich vertrete meine fundierte und bestens recherchierte (Wikipedia) These, dass jedes Licht auf dem Bogen für einen Bergmann steht, der sicher zu Hause angekommen ist und da hier in fast jedem fucking Fenster ein Schwibbogen steht, muss es ganz schön viele Bergleute geben.
Basti hält diese Begründung für Quatsch, hat aber keine bessere.

Ich bestaune kritisch die ungeheure Lichtverschmutzung.
„Wir sind gleich in Schneeberg, da zeig ich dir, was Licht ist.“, sagt er.
„Richtiges, echtes Licht? Mit Elektrizität und allem drum und dran? Sowas habt ihr? Ich dachte schon, wir müssten das Auto hinterm Busch verstecken und zu Fuß in die Stadt laufen, damit wir nicht als Ketzer auf dem Scheiterhaufen landen.“
Wir werden zum Glück nicht angefeindet und dürfen in die Stadt hineinfahren.

Abends schauen wir uns schon mal den fast geschlossenen Weihnachtsmarkt an. Basti gibt mir außerdem eine Stadtführung. Was diese Leute mit ihren Schwibbögen haben, ist echt nicht mehr normal. Bei uns sieht man vielleicht einen pro Haus, wenns hochkommt, hier stehen zwei in jedem Fenster. Ich vermute, wer keinen aufstellt, wird von der Stadt schriftlich verwarnt und nach dem dritten bösen Brief dieses Ortes verwiesen.Schneeberg

Ich habe zugesagt, die belegten Brötchen für die Gäste am Samstag vorzubereiten. Da dies anscheinend eine sehr wichtige Aufgabe und angeblich viel schwieriger zu bewerkstelligen ist als ich mir das angeblich vorstelle, erhalte ich noch eine Einweisung. Ich glaube, noch nie hat mich jemand als so dämlich dargestellt.

Am nächsten Tag schaue ich mir die Eröffnung des Lichtelfestes durch den Schneeberger Musikkorps an. Nein, sicherlich nicht, weil mir so nach Weihnachtsliedern ist, sondern weil Basti mit seiner Posaune auf der Bühne steht.

Zwischendurch verliest der neue Bürgermeister der Stadt ein selbstgeschriebenes Gedicht, natürlich in dem Metrum und mit den gleichen ausgefeilten Reimen, die man von jeder garstigen Familienfeier kennt.

Mit Auto, Bus oder der Bahn
reisen alle nach Schneeberg an“

Hinter mir kommentiert ein Herr: „Jetzt weiß ich, warum die Parkplätze so rar sind.“

Das Orchester spielt ganz putzig seine Lieder und sieht mit den Trachten auch genau so aus. Ich komme aus dem Grinsen nicht mehr hinaus. Nur die Sänger sind furchtbar.
Nachdem sie sogar einen kleinen Jungen mit dem Auftrag, das Lied „Es schneit, es schneit“ zu singen, bloßgestellt haben, nehme ich lieber Reißaus.

Eine staune über einen Stand mit Eichsfelder Spezialitäten. Da wird sogar die Vegetarierin in mir etwas nostalgisch. Gleich daneben kann man afrikanisch speisen, zum Beispiel ein deftiges Zebragulasch.
Des Abends ist der Markt voller Menschen, die sich alle ernsthaft mit „Glück Auf!“ begrüßen. Ich komme mir etwas fehl am Platz vor und frage Basti, ob mich seine Bekannten überhaupt verstehen können, wenn ich „Hallo!“ sage. Er verneint. Mist.

Auch völlig unverständlich ist mir, wie der Weihnachtsmarkt hier (und auch in Freiberg) schon um acht oder neun Uhr schließen kann. Das wäre bei mir im Dorf undenkbar. Ich bekomme um die Zeit tatsächlich keine Schokobanane mehr. Eine Frechheit! Da fällt sogar der Weihnachtsmann tot um.

Schneeberg Toter Weihnachtsmann

Aber ich kann es ja noch einmal morgen versuchen, wenn die Folgen der Geburtstagsparty beseitigt sind (zum hundertsten Mal: Happy Birthday!). Vielleicht kaufe ich dann noch einen Schwibbogen.

Text und Fotos: Eva Stützer