Guck mal wer da horcht
Abhörskandale, Unwissenheit und grenzenloses Vertrauen

Einer der bedenklich zahlreichen Skandale, die uns zurzeit erschüttern, ist der Abhörskandal. Das Interessante daran ist, dass es sich um eine Art Mehrfach-Skandal zu handeln scheint.

Zunächst war die NSA betroffen, als Edward Snowden enthüllte, dass diese weit mehr Daten erfasst, als für sinnvoll erachtet werden kann. Das schwappte schnell zu Präsident Obama, dessen offensichtliche Billigung dieses Vorgehens in der Welt für Missbilligung sorgte – Nummer zwei. Auch deutsche Bürger werden überwacht – Nummer drei. Große Besorgnis in der deutschen Bevölkerung: Hat die NSA jetzt das Plätzchenrezept, das Tante Hilde uns letzte Woche geschickt hat? Labt sich womöglich Michelle Obama bereits an unseren hochgeheimen Backwaren, die ihr Mann von der letzten Top-Secret-Besprechung mitgebracht hat? Könnten wir überhaupt backen, ohne dass es sofort ein Amerikaner weiß? Ja, könnten wir, wir müssen nur unseren Mixer vom WLAN-Netz trennen.

Nummer vier: Die Briten horchen auch! Und zwar nicht nur an der Wand zum Nachbarn, sondern auch in Deutschland und wer weiß, wo überall. Alle regen sich auf, Politiker wollen irgendwas wissen oder wissen irgendwas und wollen es nicht wissen, „Aufklärung, Aufklärung!“, schallt es durch Deutschland, jedoch hat man den Eindruck, keiner hört so richtig zu, außer den Amerikanern und Engländern, die man ja notfalls fragen kann, wenn man gar nichts mitbekommen hat, die werden es schon wissen…Die USA scheinen sich zunächst wohl doch nicht mit Aufklärung oder deutschen Plätzchen zu beschäftigen, sondern jagen Edward Snowden, das heißt, sie fordern seine Herausgabe durch Russland. Russland aber weigert sich. Warum? Vielleicht wissen es ja die Engländer.

Jetzt die Nachricht, wir müssen uns doch keine Sorgen machen, denn in Deutschland späht und horcht nur der BND. Ist das beruhigend? Nein, denn der BND gibt die Daten weiter an die NSA. Diese und der britische Geheimdienst versichern indes, in Deutschland gebe es durch sie keine flächendeckende Überwachung. Warum auch – macht ja der BND…? Und eine Frage an die Politik: Warum hat man denn nicht gleich gesagt (oder gewusst haben wollen), dass in Deutschland nur der BND spioniert?

Das alles ist zweifelsohne skandalös, zumal wenn die Situation den Anschein erweckt, niemand könne sie überblicken, niemand wisse, wer eigentlich wen überwacht und wo und von wo und wozu überhaupt. Die Erklärung ist ebenso simpel wie komplex: Angst. Die Welt hat Angst vor Terror und Terroristen haben die Angewohnheit, sich zu verstecken und wenn man sie finden will, muss man sie überwachen. Doch stehen deshalb alle unter Verdacht, Terroristen zu sein? Eine ganz andere Frage ist die nach der Reaktion der Menschen. Da kommt heraus, dass Geheimdienste Daten überwachen; was dachten denn die Leute, was ein Geheimdienst macht? Schöne Frauen retten? Wild um sich schießen und Flugzeugstunts durchführen? Was ein Geheimdienst macht, sagt schon der Name. Ein Geheimdienst operiert im Geheimen, um sein Land vor jedweder Bedrohung zu schützen. Dass es dabei ganz einfach notwendig ist, Internet- und Telefondaten zu erfassen, scheint vielen nicht bewusst zu sein, die fürchten tatsächlich um ihr Backrezept. Andererseits sollte ein Geheimdienst in der Lage sein, erfasste Daten zu filtern, nach solchen, die er braucht und solchen, die er nicht braucht und die auch sonst niemand braucht. Es wäre zwar nicht schlimm, würde die NSA wissen, wie Tante Hilde Kekse backt, aber es geht sie schlichtweg nichts an. Es ist eine Sache der Privatsphäre, schließlich tauscht man sich ja auch über andere Dinge aus…

Dass es Geheimdienste gibt, die verdächtige Daten erfassen und auswerten ist sicherlich nicht schlecht für die Welt und sicherlich ist es für deren Arbeit auch hilfreich, dass keiner so ganz genau weiß, was sie eigentlich tun. Allerdings sollte es möglich sein, gewisse Grenzen zu wahren, insbesondere unter befreundeten Staaten, die ohnehin Daten austauschen. Grenzenloses Vertrauen hilft zwar nicht weiter, aber wenn niemand mehr weiß, wer wen und wen er und wieso und wer wen nicht und wie viel überwacht, dann wird die Welt davon gewiss nicht sicherer.

Soviel zu diesem Multiskandal von Enthüllung, Spionage, Billigung, Weitergabe, Ahnungslosigkeit und auch grobem Unverständnis der Bevölkerung für Dinge, die im Rahmen der Moral wohl doch nicht ganz vermeidbar sind. Eins, zwei, drei, vier, viele, mal sehen, was noch so zutage tritt. Vielleicht gewinnt ja die Misere nach dem Wahlkampf an Logik und die herbeigerufene Aufklärung zeigt sich.